Stalin

Stalin
I
Stạlin,
 
1949-56 Name der bulgarischen Stadt Warna.
II
Stalin
 
[der »Stählerne«], Jossif Wissarionowitsch, eigentlich J. W. Dschugaschwịli, sowjetischer Revolutionär und Politiker georgischer Herkunft, * Gori 21. 12. 1879 (nach neueren Erkenntnissen 18. 12. 1878), ✝ Kunzewo (heute zu Moskau) 5. 3. 1953; Sohn eines Schuhmachers; trat 1894 in das orthodoxe Priesterseminar in Tiflis ein. Er befasste sich in dieser Zeit mit revolutionärer Literatur, u. a. mit den Schriften von K. Marx, und trat 1898 der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands bei. Wegen Beteiligung an revolutionären Aktivitäten (Organisation von Demonstrationen und Streiks unter dem Decknamen »Koba«) schloss ihn 1899 das Priesterseminar aus seinen Reihen aus. Nach Spaltung der russischen Sozialdemokratie (1903) schloss sich Stalin den Bolschewiki an. 1903 nach Sibirien verbannt, entwickelte er nach seiner Flucht (Januar 1904) im Kaukasus neue revolutionäre Aktivitäten. Auf dem Parteitag der Bolschewiki im finnischen Tammerfors (heute Tampere) lernte er 1905 als Delegierter Lenin kennen. In der folgenden Zeit wurde er mehrfach verhaftet und nach Sibirien in die Verbannung geschickt (zuletzt 1914-16).
 
Von Lenin als Organisator geschätzt, wurde Stalin 1912 in das ZK der Bolschewiki aufgenommen und arbeitete maßgeblich an der Parteizeitung »Prawda« mit (ab 1917 Mitglied der Redaktionsleitung). In seiner Schrift »Nationalitätenfrage und Sozialdemokratie« (1913) postulierte er die Lösung der Nationalitätenfrage im Gebiet des Russischen Reiches auf der Grundlage des revolutionären Konzepts der Bolschewiki.
 
Im März 1917 wurde Stalin in der Petrograder Parteiorganisation der Bolschewiki aktiv. Mit L. B. Kamenew und G. J. Sinowjew nahm er gegenüber der provisorischen Regierung unter A. F. Kerenskij zunächst eine abwartende Haltung ein, schloss sich aber nach der Ankunft Lenins in Petrograd dessen radikaler Bekämpfung der provisorischen Regierung an. Im Zuge der organisatorischen Vorbereitung des Aufstands wurde er am 10. (23.) 10. 1917 Mitglied des Büros für die politische Leitung des Aufstands. Nach dem Sieg der Bolschewiki in der Oktoberrevolution gehörte er als Volkskommissar für Nationalitätenfragen (1917-23), später auch als Volkskommissar für die Arbeiter- und Bauerninspektion (1919-22) der Regierung unter Lenin an. Mit der Umbenennung der Partei in Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki), Abkürzung KPR (B), und ihrer Neuorganisation (1919) wurde er Mitglied des Politbüros und des Organisationsbüros. Im Bürgerkrieg war Stalin politischer Kommissar der Roten Armee an verschiedenen Frontabschnitten. In dieser Funktion war er 1918 mit K. J. Woroschilow an der erfolgreichen Verteidigung von Zarizyn (1925-61 Stalingrad, heute Wolgograd) beteiligt. Besonders in seiner Eigenschaft als Volkskommissar für das Nationalitätenwesen setzte er mit Gewalt (das heißt auch unter Einsatz der Roten Armee) die Wiedereingliederung der vom russischen Gesamtstaat abgefallenen Nationalitäten im Kaukasus durch. Als Einziger im Führungskreis der KPR (B) sowohl Mitglied des Polit- als auch des Organisationsbüros war er zugleich an den sachlich-inhaltlichen wie an den personell-organisatorischen Entscheidungen der Partei wesentlich beteiligt. Als Volkskommissar für Arbeiter- und Bauerninspektion, der von Regierungsseite die Durchführung der Parteibeschlüsse überwachen sollte, bestimmte er auch maßgeblich die personelle Zusammensetzung des Staatsapparates. Das machtpolitische Gewicht Stalins steigerte sich noch um ein Vielfaches, als er 1922 das neu geschaffene Amt des Generalsekretärs der Partei übernahm. Stalin baute dieses Amt, das ursprünglich nur organisatorisch vorbereitende Aufgaben wahrnehmen sollte, zu einer Schlüsselstellung im Parteiapparat und zu einem persönlichen Kampfinstrument in der Auseinandersetzung mit seinen innerparteilichen Gegnern aus. Obwohl Lenin in seinem »Testament« empfohlen hatte, Stalin als Generalsekretär der Partei abzulösen, konnte dieser nach dem Tod Lenins (Januar 1924) seine Stellung behaupten.
 
Zwischen 1924 und 1929 gelang es Stalin, seine Konkurrenten um die Nachfolge in der Partei- und Staatsführung nacheinander auszuschalten, zunächst L. D. Trotzkij, dann Sinowjew und Kamenew, zuletzt N. J. Bucharin und A. J. Rykow, und die mit diesen Personen verbundenen Strömungen in der Partei, ab 1925 KPdSU (B), zugunsten seiner eigenen Machtstellung zu unterdrücken (Sowjetunion, Geschichte). Seit etwa 1928/29 war er der unangefochtene Führer (»Woschd«) von Partei und Staat. Nach der Ermordung des Parteisekretärs von Leningrad, S. M. Kirow, im Dezember 1934 löste Stalin eine blutige Säuberung, die Große Tschistka, aus, in deren Verlauf er alle vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner seiner Herrschaft in Partei, Staatsapparat und Armee verfolgte und vernichtete (u. a. Schauprozesse). Unter der ideologischen Prämisse des »Aufbaus des Sozialismus in einem Lande« (das heißt ohne den Erfolg einer weltrevolutionären Entwicklung abzuwarten) leitete Stalin im Zuge einer »Revolution von oben« einen tief greifenden Wandel in der Sowjetunion ein. Er forcierte mit schärfster Gewalt die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft (1928-37) und die Industrialisierung (besonders im Bereich von Bergbau, Schwer- und Rüstungsindustrie).
 
Unter dem Eindruck des Scheiterns revolutionärer Bestrebungen z. B. in Deutschland und China betrieb Stalin eine Außenpolitik, die v. a. die Sicherung der revolutionären Entwicklung in der Sowjetunion zum Ziel hatte. Gestützt auch auf die allmählich ganz von der Sowjetunion beherrschte Kommunistische Internationale (Komintern), ging er um 1930 zu einer defensiven Gleichgewichtspolitik auf der Grundlage einer kollektiven Sicherheit über. Angesichts des Münchener Abkommens (1938) sah sich Stalin jedoch in seiner Ansicht bestätigt, dass die »imperialistischen« Mächte die aggressive Politik der »faschistischen« Staaten auf die Sowjetunion ablenken wollten. Unter dem Primat der Sicherheit verhandelte Stalin 1939 sowohl mit den Westmächten als auch mit dem nationalsozialistischen Deutschland. In diesem Sinne schloss er den Hitler-Stalin-Pakt (1939) und das Neutralitätsabkommen mit Japan (1941). Mit dem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt zeigten sich auch die expansiven Tendenzen seiner Außenpolitik, denen in der Folgezeit v. a. die baltischen Staaten zum Opfer fielen. Im Mai 1941 wurde Stalin Vorsitzender des Rates der Volkskommissare (seit 1945 Ministerrat). Nach dem deutschen Angriff auf die UdSSR (Juni 1941) übernahm er zugleich die Führung des Staatskomitees für Verteidigung (bis 1945), wenig später auch das Volkskommissariat (seit 1945 Ministerium) für Verteidigung (bis 1947). 1943 erhielt er den Titel eines Marschalls der Sowjetunion. Im Bündnis und mithilfe der westlichen Gegner Deutschlands (v. a. USA und Großbritannien) konnte er im Rahmen der »Anti-Hitler-Koalition« den deutschen Angriff abwehren und erhielt 1945 zusätzlich den Titel eines »Generalissimus«. Auf den Konferenzen von Teheran (1943), Jalta und Potsdam (beide 1945) erweiterte er durch zielbewusste Verhandlungsstrategien die sowjetische Macht- und Einflusssphäre in Europa und Asien. Die von ihm mithilfe der Roten Armee in den Ländern Ostmittel- und Südosteuropas erzwungene Herrschaft kommunistischer Kaderparteien trug mit der Rückkehr zur Überzeugung einer prinzipiellen Gegensätzlichkeit von Kapitalismus und Sozialismus wesentlich zur Entstehung des Kalten Krieges bei.
 
Innenpolitisch setzte Stalin nach 1945 seine Politik verschärfter Repressionen fort. Eine bereits vorbereitete weitere große Säuberungswelle wurde nach seinem Tod nicht mehr ausgeführt. Bestimmt von wachsendem Misstrauen und Ehrgeiz, opferte Stalin Millionen von Menschen seinen Zielen. Mit seinem Herrschaftssystem (Stalinismus) prägte er die UdSSR sehr stark. Im Zuge der Entstalinisierung verstärkte N. S. Chruschtschow 1956 den nach Stalins Tod eingeleiteten Versuch, die von Stalin praktizierte Alleinherrschaft wieder zugunsten einer kollektiven Führung abzubauen. 1961 wurde die Leiche Stalins aus dem Mausoleum am Roten Platz in Moskau entfernt und dort an der Kremlmauer beigesetzt.
 
Stalin, der sich selbst in einer Reihe mit den Klassikern des Marxismus-Leninismus sah, verfasste zahlreiche den Marxismus vulgarisierende Schriften, die von großem Einfluss waren. In Politik, Wissenschaft und Erziehungswesen war zur Zeit seiner Herrschaft das Zitieren seiner Schriften nahezu obligatorisch.
 
 
S. Allard: S. u. Hitler (a. d. Schwed., Bern 1974);
 M. Morozow: Der Georgier. S.s Weg u. Herrschaft (21980);
 B. Souvarine: S. Anmerkungen zur Gesch. des Bolschewismus (a. d. Frz., 1980);
 I. Grey: S. (Neuausg. Falmouth 1982);
 A. Antonow-Owssejenko: S. Portrait einer Tyrannei (a. d. Russ., Neuausg. 1986);
 I. Deutscher: S., eine polit. Biogr., 2 Bde. (a. d. Engl., Neuausg. 1990);
 W. Laqueur: S. (a. d. Engl., 1990);
 A. Bullock: Hitler u. S. Parallele Leben (a. d. Engl., 1991);
 R. Nisbet: Roosevelt u. S. (a. d. Engl., 1991);
 D. Wolkogonow: S. Triumph u. Tragödie (a. d. Russ., Neuausg. 1993);
 R. Edmonds: Die großen Drei. Churchill, Roosevelt, S. in Frieden u. Krieg (a. d. Engl., (Neuausg. 1994);
 M. Rubel: J. W. S. Mit Selbstzeugnissen u. Bilddokumenten (34.-36. Tsd. 1994).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
 
Komintern: Weltrevolution oder sowjetische Interessenpolitik
 
 
Sowjetunion: Stalinistischer Staat und Stalins persönliche Diktatur
 

Universal-Lexikon. 2012.

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